„Schutzversuche“ von Turid Schuszter und Regine Wolff

Ausstellungsdauer: 23. Januar 2026 – 06. März 2026
in der Ecke Galerie, Elias-Holl-Platz 6

Öffnungszeiten
Donnerstag + Freitag: 12.00 – 18.00 Uhr
Samstag: 11.00 – 17.00 Uhr

Sondertermine:
Am Donnerstag, 26.02.2026 um 18:00 Uhr Führung mit Turid Schuszter

Aus der Laudatio von Kersten Thieler-Küchle (1. Vorsitzende Kunstverein Schwabmünchen): 

[…] Nach ca. 12 Jahren und nun mehr zum zweiten Mal treten die Künstlerinnen mit Installationen, Objekten, Gemälden und Zeichnungen in einen Dialog.

Turid und Regine haben einen ähnlichen Werdegang: beide studierten Textildesign an derselben Hochschule, beide arbeiteten als Textildesignerinnen und beide arbeiten heute als freie Künstlerinnen.

Regine Wolff lebt und arbeitet am Stadtrand von Osnabrück und zeitweise in Hamburg. Ihre Arbeiten wurden in internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt und wurden mehrfach ausgezeichnet.
Neben ihrer Arbeit als freiberufliche Künstlerin ist sie Vorsitzende des BBK Osnabrück. Sie zeigt heute groß- und kleinformatige figurative, narrative Ölgemälde und filigrane Zeichnungen. „Meine Beziehung zur Kunst“ sagt sie, „ist poetisch, dramatisch, emotional, manchmal auch komisch und bizarr.“

Turid Schuszter ist in Augsburg eine namhafte Künstlerin, sie hatte zahlreiche nationale und internationale Einzel- und Gruppenausstellungen, sie erhielt mehrfache Auszeichnungen und Kunstpreise. Neben ihrer freien Arbeit am Webstuhl richtet sich ihr Schwerpunkt zunehmend auf die Lithographie. Hier in dieser Präsentation zeigt sie raumgreifende experimentelle Handgewebe und Tierfiguren, Drahtgrotesken, die sie aus verschiedenen Drähten in ihrer einzigartigen Charakteristik formt und die Sie überall entdecken können.

SCHUTZVERSUCHE, das Thema dieser Ausstellung, ist nicht nur in der Deutung der einzelnen Arbeiten zu finden. Die Künstlerinnen schlagen die Kunst selbst als Rückzugsort vor, den Schutzraum Kunst, in dem man sich frei bewegen kann, in dem man sich austauschen und entspannen kann.

SCHUTZVERSUCHE kann der Versuch sein, unsere eigenen Vorstellungen von Schutz, Zugehörigkeit und Vertrauen zu hinterfragen.

Die Ausstellung empfängt den Besucher mit einer Matroschka von Turid Schuszter, einer ineinander schachtelbaren, russischen Bauernpuppe und der darunterliegenden, zerfledderten (Friedens-) Taube – eine deutliche Anspielung auf den nicht enden werdenden Ukraine-Krieg, der den Menschen ihren Schutz und damit ihre Sicherheit genommen hat. Im Dialog dazu das Gewebe „eine Feder macht noch keine Taube“ und – jetzt augenzwinkernd daneben – gewebte Storchenbeine.
Ein Helm aus Knöpfen schützt vor Verletzungen und ein Helm aus Filz verleiht Wärme und Geborgenheit.
Weiter im Untergeschoss zeigt Turid Schuszter die Arbeit Mimikry, eine schöne heile Welt, eine Wiese, geknüpft aus Plastikfolien, auf der Wildtiere äsen, die sich bereits an die veränderte, vermüllte Umwelt angepasst haben. Das verletzte Tier ist kaum erkennbar.
An der Treppenhauswand hängt die an Jahren älteste, wunderschön anzusehende Arbeit dieser Ausstellung: ein gewebter Wandbehang, der Teil von Turids Diplomarbeit 1995 war – vielleicht als rückblickender Schutzversuch.
Die Säcke sind Faktenvertilger – indem man weghört, schützt man sich.
Großartig das 3-dimensionale Gewebe, mit Eingang und Ausgang. Dieser Schlauch, genau wie die Faktenvertilger sind so gewebt, wie früher Kartoffelsäcke gefertigt wurden: auf dem Webstuhl 3-dimensional gewebt, gibt es keine Naht, nur jeweils ein Anfang und ein Ende. Beide Arbeiten sind raumgreifende Installationen, die in ihrer Ästhetik eine eigene, großartige Wirkung haben.
Turid Schuszter arbeitet in ihrer Werkstatt an einem großen Webstuhl, so wie die Weber schon vor Jahrhunderten gearbeitet haben. Sie experimentiert mit verschiedensten Materialien. Feine Kupferdrähte, grobe und feine Leinen- und Baumwollfäden, Kunststoffplättchen, Spiegelfolie oder dünne Plastikschläuche werden unter ihren Händen zu plastischen Objekten, raumgreifenden Reliefs und skulpturalen Installationen. Da gibt es die Wellen an der Wand, die liegende Bewegung, es gibt eine plastische, bewegliche Röhre, die Raumbesiedelung.
Und dann ist Glanz und Gloria – man sieht sich selbst, man interpretiert Dreifaltigkeit und das Material ist Barchent, der Stoff, der den Fuggern enormen Reichtum brachte, der aus einem Gemisch aus Leinen- und Baumwollfäden besteht und dadurch einen besonderen Glanz entwickelt.
Im Gegensatz dazu steht die Dokumentation, in der Turid Schuszter das verheerende Feuer in einer Textilfabrik in Bangladesch thematisiert. In 3 Bahnen hat sie streifenweise Fotos dieser Katastrophe eingewebt.
Die 5 Nonnen ins Gespräch vertieft muten zwar sehr ähnlich an, sind aber, wie alle Individuen, verschiedene Charaktere, die man an ihren inneren Farben erkennt. Auch sie sind SCHUTZVERSUCHE, in sich gekehrt lassen sie in ihren Kreis niemanden eindringen.
Und überall ihre wunderbaren Tiersilhouetten – mit sicherer Hand formt sie die Hunde, Katzen, Kamele, Schafe und viele andere Arten aus Draht, die wie 3-dimensionale Zeichnungen wirken.

Auch Regine Wolffs Arbeiten beginnen im Untergeschoss – der schwarze Schwan als Symbol für Ausnahmen und Außenseiter in der Natur, mit faszinierenden Details, die oft übersehen werden, wie in diesem Fall das weiße Untergefieder.
Dieses erste Ölgemälde steht stellvertretend für ihr gesamtes malerisches Werk: bis ins Detail naturgetreu gegenständlich, in der Gesamtkomposition fast surreal, auch märchenhaft und immer Geschichten erzählend.
Als nächste beeindruckende Komposition sieht man das anatomische Herz, das „Herzecho“, das eine Hommage an den eigenen Körper ist, das ein Dankeschön an das eigene Herz ist und der Versuch sein könnte, mit dem eigenen Körper Kontakt aufzunehmen. Gleichzeitig ist die Darstellung des wichtigsten Organs das Bedürfnis, zu kontrollieren, ist der Wunsch nach Sicherheit und damit auch ein Schutzversuch.
Ein Hauptmotiv von Regine Wolff ist der Affe, als Schnittpunkt der Primaten, also vom Halbaffen zum Menschenaffen zum Menschen selbst. Die „Vermenschlichung“ der Tierfiguren kehrt immer wieder als Motiv in Regines Bildern wieder, wie zum Beispiel in dem Gemälde „Painter“ oder auch „Selbstportrait“ in dem die Ratte Menschenhände bekommt und den Schwanz als Pinsel benutzt.
Auffallend und ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in Regine Wolffs Bildern ist der filigran ornamentierte Hintergrund. Sie malt nicht auf Leinwand, sondern auf Baumwollstoffe, die vorher die Druckmuster ihrer textilen Stoffentwürfe waren und die zum Teil mehrfach bedruckt wurden. Bei genauem Hinschauen entdeckt man die Wiederholungsschemata der Vervielfältigung. In den meisten Gemälden sind sie nur noch verschwommen sichtbar, manchmal aber werden sie auch ein Teil der Komposition.
Das Gemälde „Wasserbild V“ trägt absolut apokalyptische Zeichen: das Wasser mit dem Rochen befindet sich in der oberen Bildhälfte, der Erdboden ist nicht zu definieren. Es regnet Feuerfunken. Eine junge Frau liest mit VR-Brille ein Buch und die Giftschlange bewacht das Handy – der Primat dagegen schützt sein Junges – womit das Thema Schutzversuche bildhaft wird.
Ähnlich in dem Gemälde „Wasserbild IV“. Auch hier gibt es Wasser und Feuer, die Flut steht dem Pferd bis zum Hals, die Mutter schützt ihr Kind – Schutzversuche auch in unsicheren Situationen.
Die Schönheit der Kompositionen steht im Gegensatz zur Aussage – so ist es auch bei ihren kleinformatigen Tierportraits – Hühner aus Massentierhaltung, aussterbende Arten oder kleine Ratten werden von Regine Wolff altmeisterlich in Szene gesetzt.
Die Vielfalt ihres künstlerischen Könnens zeigt sie nochmals in der zeichnerischen Serie „Animationen“. Die Metamorphosen zwischen Tier- und Menschenbewegungen sind auch in einem Buch veröffentlicht und zeigen Yoga-Positionen im Vergleich zu Tierpositionen.

Ich gratuliere den Künstlerinnen zu dieser Präsentation – sie selbst verstehen ihre Schutzversuche als offene, manchmal augenzwinkernde Untersuchung um Leben und Überleben im Anthropozän, dem Erdalter zwischen den Eiszeiten, in dem der Mensch den geologischen Faktor dominiert.
[…]

Kersten Thieler-Küchle (1. Vorsitzende Kunstverein Schwabmünchen)

 

 

Zu den Künstlerinnen:

Turid Schuszter
Turid Schuszter verlebte ihre Kindheit und Jugend in Freiberg/Sachsen. 1989 begann sie ein Studium des Textildesigns, das sie 1995 als Dipl.-Designerin (FH) mit dem Schwerpunkt Textilkunst abschloss.
Bis Ende der 1990er Jahre arbeitete sie als freiberufliche Textildesignerin.
Seit dem Jahr 2000 widmet Schuszter sich der freien künstlerischen Arbeit und nahm in diesem Zusammenhang an verschiedenen Kunstpreisausstellungen teil, unter anderem in Frankreich und den Niederlanden. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, darunter 2016 mit dem Sonderpreis für Textilkunst Irsee, 2021 mit dem Grafikpreis Senden, 2023 mit dem Gildepreis der Künstlergilde Ulm (Druckgrafik) sowie 2025 mit dem Preis der Franz-Schmid-Stiftung.
Seit über zwei Jahrzehnten richtet sich ihr künstlerischer Schwerpunkt zunehmend auf die Lithografie. Die Grundlagen erlernte sie bei Tom Kirsten und Aron Herdrich. 2024 folgte ein einmonatiger Arbeitsaufenthalt in der Grafikwerkstatt Dresden.
An der Schwabenakademie Irsee leitete sie Kurse zur Textilgestaltung; an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg war sie als Gastdozentin für Lithografie tätig.

Regine Wolff
Aufgewachsen im ländlichen Nordwesten der DDR begann Regine Wolff 1989 ein Textildesign-Studium an „Der Angewandten“ in Schneeberg, dass sie 1994 abschloss.
Neben der Malerei arbeitete sie danach lange als Designerin in der Textilindustrie in Nordhorn und Osnabrück. In Ihren Bildern verwendet Wolff oft Druckversuche, die während dieser Zeit entstanden sind. Die Muster verschmelzen mit oft komplexen Bilderwelten und fügen der erzählerischen Komponente eine verschlungen abstrakte Ordnung hinzu.
Die Bilder von Regine Wolff wurden ab 2012 regelmäßig in Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland aber auch in den Niederlanden, Frankreich und den USA gezeigt. 2014 -18 absolvierte die Künstlerin jährlich internationale Sommerakademien in Salzburg, Hamburg und Berlin davon drei Jahre in Folge in der Klasse Norbert Bisky. Ihre Arbeiten sind in verschiedenen öffentlichen Sammlungen vertreten und wurden mehrfach ausgezeichnet. Das Atelier der Künstlerin befindet sich heute am Stadtrand von Osnabrück und zeitweise in Hamburg.
„Meine Beziehung zur Kunst ist poetisch, dramatisch, emotional, manchmal auch komisch und bizarr. Diese intensiven Gefühle will ich auch beim Betrachter auslösen.“